Was bedeutet biologisches Alter wirklich?

Mit dieser neuen Reihe zur Zellgesundheit möchte ich jetzt einen Schritt tiefer gehen.

Nicht kompliziert. Nicht so populärwissenschaftlich verkürzt, dass am Ende nur ein paar Schlagworte übrig bleiben. Sondern verständlich und so einfach wie möglich, ohne die Zusammenhänge dabei zu verlieren.

Mich interessiert dabei besonders ein Blickwinkel, der in der Diskussion über Longevity erstaunlich selten vorkommt: die biopsychologische Perspektive.

Wenn heute über biologisches Altern gesprochen wird, geht es meist sehr schnell um Mitochondrien, Telomere, Epigenetik, Entzündungs-prozesse, Ernährung oder bestimmte Biomarker. Das alles ist wichtig und wissenschaftlich gut untersucht.

Was dabei häufig zu kurz kommt, ist die Frage, wie eng diese biologischen Prozesse mit unserem Erleben, unserem Verhalten, unserem Nervensystem und unserer täglichen Lebensführung verbunden sind.

Genau darum soll es in dieser Reihe gehen.

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe wissenschaftlicher Arbeiten, die Zusammenhänge zwischen psychologischer Belastung, Stressregulation, Schlaf, Verhalten und biologischen Alterungsprozessen untersuchen. Diese Forschung möchte ich hier nach und nach vorstellen, aber nicht in einer Sprache, für die man zuerst ein Studium der Molekularbiologie braucht. Ebenso, dass wir verstehen können, was diese Prozesse für unser eigenes Leben bedeuten.

Und beginnen möchte ich mit einer scheinbar einfachen Frage:

Was bedeutet biologisches Alter eigentlich wirklich?

Unser Geburtsdatum ist nur ein Teil der Geschichte

Wenn wir jemanden nach seinem Alter fragen, erwarten wir normalerweise eine eindeutige Antwort. 45, 58 oder 72 Jahre. Gemeint ist damit immer das chronologische Alter, also die Zeit, die seit unserer Geburt vergangen ist. Biologisch betrachtet erzählt diese Zahl aber nur einen Teil der Geschichte.

Bild ist KI generiert

Zwei Menschen können am selben Tag geboren worden sein und sich gesundheitlich trotzdem völlig unterschiedlich entwickeln. Der eine ist mit 60 körperlich aktiv, geistig wach und regeneriert nach Belastungen vergleichsweise schnell. Der andere kämpft bereits deutlich früher mit Erschöpfung, Stoffwechselproblemen oder chronischen Erkrankungen.

Chronologisch sind beide gleich alt.

Biologisch können sie sich deutlich unterscheiden.

Genau an diesem Punkt beginnt die Frage nach dem biologischen Alter.

Chronologisches Alter und biologisches Alter sind nicht dasselbe.

Das chronologische Alter beschreibt ausschließ-lich, wie viel Zeit seit unserer Geburt vergangen ist.

Beim biologischen Alter versuchen wir dagegen zu erfassen, in welchem Zustand sich unser Organismus befindet.

Das klingt zunächst ziemlich eindeutig, doch wissenschaftlich ist es komplizierter. Es gibt bis heute keinen einzelnen Test, der zuverlässig sagen kann: Das ist Ihr tatsächliches biologisches Alter.

Mittlerweile existieren zwar unterschiedliche Verfahren, mit denen Wissen-schaftler Alterungsprozesse messbar machen wollen. Dazu gehören epigenetische Uhren, verschiedene Blut- und Stoffwechselpara-meter, körperliche Leistungsfähigkeit, Organfunktionen und funktionelle Marker. Diese Verfahren können wertvolle Hinweise liefern. Sie messen aber nicht zwangsläufig dieselben Prozesse. Ein Mensch kann deshalb bei verschiedenen Tests durchaus unterschiedliche Ergebnisse erhalten.

Wenn eine App oder ein Labor nach einer Untersuchung behauptet, jemand sei biologisch exakt 47,3 Jahre alt, sollte man diese Zahl deshalb nicht mit einer endgültigen Wahrheit über den gesamten Organismus verwechseln.

Der menschliche Körper funktioniert dafür auf zu vielen Ebenen gleichzeitig.

Was altert eigentlich?

Für mich wird das Thema genau hier spannend, denn Altern ist kein einzelner Vorgang.

Eine wichtige Grundlage der modernen Altersforschung sind die sogenannten „Hallmarks of Aging“. Carlos López-Otín und seine Kollegen beschreiben inzwischen zwölf miteinander verbundene Merkmale biologischen Alterns.

Dazu gehören unter anderem Veränderungen unseres Erbguts und seiner Regulation, Störungen der Mitochondrien, Veränderungen der Proteinverarbeitung, zelluläre Seneszenz, Stammzellerschöpfung, chronische Entzündungsprozesse und Veränderungen des Mikrobioms. Das klingt zunächst nach sehr viel Biochemie. Im Kern geht es aber um etwas sehr Einfaches: Unsere Zellen müssen funktionieren.

Sie müssen Energie erzeugen. Sie müssen Schäden erkennen und reparieren. Sie müssen Proteine aufbauen und wieder abbauen. Sie müssen miteinander kommunizieren und sich an Veränderungen ihrer Umgebung anpassen und genau diese Fähigkeiten verändern sich im Laufe des Lebens.

Wenn wir über Zellgesundheit sprechen, geht es deshalb nicht um einen einzelnen Stoff, ein einzelnes Vitamin oder einen bestimmten Anti-Aging-Trick.

Es geht darum, wie gut dieses gesamte System noch reguliert, denn eine biologische Reserve ist oft interessanter als das biologische Alter.

An dieser Stelle finde ich einige andere Fragen fast spannender als die Zahl auf einem Longevity-Test.

  • Wie viel Reserve besitzt unser Organismus?
  • Wie gut verkraftet unser Körper Belastung?
  • Wie schnell regenerieren wir?
  • Wie gut reagieren wir auf Schlafmangel, Stress oder eine Erkrankung?
  • Wie stabil arbeiten Stoffwechsel, Immunsystem und Nervensystem?

Und wie gut findet der Körper nach einer Belastung wieder zurück in einen ausgeglichenen Zustand?

Diese Fähigkeit zur Anpassung und Regulation gehört für mich zu den wichtigsten Merkmalen gesunden Alterns, denn ein gesunder Körper ist kein Körper, der niemals Belastung erlebt, denn Belastung und Stress  gehören zum Leben.

Auch Entzündungsreaktionen sind zunächst Teil einer normalen biologischen Antwort. Selbst Bewegung stellt für unseren Organismus kurzfristig einen Belastungsreiz dar. Problematisch wird es vor allem dort, wo Belastung dauerhaft besteht und Regeneration immer weniger gelingt.

Hier kommt die Biopsychologie ins Spiel!

Genau an dieser Stelle wird Longevity für mich zu einem psychologischen Thema.

Bild ist KI generiert

Wenn wir eine Situation als belastend oder bedrohlich erleben, passiert das nicht nur in unseren Gedanken.

Unser Körper reagiert mit.

Das autonome Nervensystem verändert seine Aktivität. Stresshormone werden ausgeschüttet. Aufmerksamkeit, Muskelspannung, Herzfrequenz und Stoffwechsel passen sich an die Situation an.

 

Für kurze Zeit ist das völlig normal und sinnvoll, denn unser Körper soll auf Belastungen reagieren können.

Jedoch  sieht anders  es aus, wenn ein Mensch dauerhaft unter Spannung steht, echte Erholungsphasen fehlen, kann sich das unter anderem auf Schlaf, Verhalten, Stoffwechsel und Entzündungsprozesse auswirken.

Genau diese Zusammenhänge werden heute wissenschaftlich intensiv untersucht.

Es gibt Studien, die Zusammenhänge zwischen chronischem psychologischem Stress und verschiedenen biologischen Alterungsmechanismen beschreiben. Dazu gehören unter anderem Entzündungsprozesse, Veränderungen der Mitochondrien, epigenetische Veränderungen, Telomerverkürzung und zelluläre Seneszenz.

Das bedeutet nicht, dass jeder stressige Tag unsere Zellen plötzlich schneller altern lässt. So einfach funktioniert Biologie nicht. Es zeigt aber, wie eng unser psychisches Erleben mit körperlichen Regulationsprozessen verbunden ist.

Psychologie endet nicht im Kopf

Das ist ein Gedanke, den ich in dieser Reihe immer wieder aufgreifen werde.

Psychologie findet nicht nur im Denken statt. Unser Erleben beeinflusst Verhalten. Verhalten beeinflusst wiederum biologische Prozesse.

Ein einfaches Beispiel ist Stress: Ein Mensch ist über längere Zeit belastet. Dadurch schläft er schlechter und weil er müde ist, bewegt er sich weniger. Gleichzeitig verändert sich möglicherweise sein Essverhalten. Vielleicht steigt der Alkoholkonsum. Vielleicht fehlen zunehmend soziale Kontakte oder echte Erholungsphasen.

Keiner dieser Faktoren steht für sich allein, denn sie beeinflussen sich gegenseitig.

Und genau deshalb halte ich es für problematisch, Longevity nur aus der Perspektive einzelner Moleküle oder Laborwerte zu betrachten. Der Mensch funktioniert nicht in getrennten Abteilungen. Wäre das so, könnten wir jeden Bereich isoliert untersuchen und behandeln. In bestimmten medizinischen Fragestellungen ist genau diese Spezialisierung sinnvoll und notwendig. Für das Verständnis von Alterungsprozessen reicht sie allein jedoch nicht aus.

Denn unser Denken, Fühlen und Verhalten ist Teil unserer Altersbiologie. Psychische Prozesse beeinflussen unser Nervensystem, unsere Stressregulation, unseren Schlaf und unser tägliches Verhalten. Diese wiederum wirken auf biologische Prozesse zurück. Unsere genetische Ausgangslage können wir nicht beliebig verändern. Die Bedingungen, unter denen unsere Gene und unser Organismus arbeiten, beeinflussen wir jedoch jeden Tag mit.

Unsere Vergangenheit können wir ebenfalls nicht rückgängig machen, aber wir beeinflussen jeden Tag die Bedingungen, unter denen unser Organismus funktionieren muss.

Wie viel schlafen wir?

Wie regelmäßig bewegen wir uns?

Wie ernähren wir uns?

Wie häufig erleben wir Erholung?

Wie gehen wir mit Stress um?

Wie sehen unsere sozialen Beziehungen aus?

Rauchen wir?

Wie viel Alkohol trinken wir?

Wie stabil ist unser Tag-Nacht-Rhythmus?

Und wie konsequent setzen wir eigentlich das um, von dem wir längst wissen, dass es unserer Gesundheit dient?

An dieser Stelle wird Longevity sehr schnell zu einer Frage der Psychologie.

Denn Wissen verändert Verhalten nicht automatisch.

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Bewegung gesund ist. Wir wissen, dass Rauchen schadet. Wir wissen, dass Schlaf wichtig ist.

Trotzdem handeln Menschen nicht immer entsprechend.

 

Deshalb reicht es nicht zu wissen, was gesund ist. Wir müssen auch verstehen, warum Menschen gesundheitsförderliches Verhalten manchmal umsetzen und manchmal nicht. Gewohnheiten, Motivation, Selbstwirksamkeit, Belohnungssysteme, Stressregulation und unser soziales Umfeld spielen dabei eine große Rolle. Biologisches Alter bedeutet nicht, möglichst jung auszusehen Gerade auf einer Webseite, die sich mit Schönheit beschäftigt, ist mir diese Unterscheidung wichtig. Natürlich dürfen wir gut aussehen wollen, denn Ästhetik und Gesundheit widersprechen sich nicht. Was wir aber dringend verstehen sollten, ist das  äußeres Altern und biologisches Altern nicht dasselbe sind.

Ein Mensch kann äußerlich jung wirken und gleichzeitig ungünstige Stoffwechsel- oder Herz-Kreislauf-Risikofaktoren besitzen. Ein anderer Mensch zeigt sichtbare Zeichen des Alterns und verfügt trotzdem über eine sehr gute körperliche und geistige Funktionsfähigkeit.

Deshalb finde ich neben der Lebensspanne einen zweiten Begriff besonders wichtig: Healthspan.

Die Lebensspanne beschreibt, wie lange wir leben.

Healthspan beschreibt vereinfacht den Zeitraum unseres Lebens, in dem wir möglichst lange gesund, selbstständig und funktionell bleiben.

Für mich ist das die wesentlich interessantere Perspektive.

Longevity als System verstehen

Genau deshalb möchte ich Longevity in dieser Reihe als System betrachten.

Es wird um Zellgesundheit gehen, um Mitochondrien, Ernährung, sekundäre Pflanzenstoffe, Bewegung, Schlaf, Regeneration, Entzündungsprozesse, Mikrobiom und Epigenetik.

Aber immer auch um die Verbindung dieser Bereiche mit unserem Verhalten und unserem psychischen Erleben.

Mich interessiert dabei besonders, was wissenschaftlich tatsächlich gut belegt ist und wo aus interessanten Forschungsergebnissen zu schnell sehr große Versprechen gemacht werden, denn wie bereits schon erwähnt, unser Organismus funktioniert nicht in voneinander getrennten Bereichen.

Wer dauerhaft schlecht schläft, bewegt sich möglicherweise weniger. Dauerstress kann das Essverhalten verändern. Bewegungsmangel wirkt wiederum auf Stoffwechsel, Muskulatur und Schlaf.

Diese Zusammenhänge sind es, die Longevity für mich spannend machen. Nicht der einzelne Hack, sondern das Zusammenspiel, welches in dem System Mensch stattfindet.

Was bedeutet biologisches Alter nun wirklich?

Unser chronologisches Alter sagt uns, wie viel Zeit seit unserer Geburt vergangen ist. Das biologische Alter versucht zu beschreiben, welche Veränderungen während dieser Zeit in unserem Organismus stattgefunden haben und wie funktionsfähig, belastbar und anpassungsfähig dieses System heute noch ist. Eine einzige perfekte Zahl dafür gibt es bislang nicht. Vielleicht ist sie auch weniger wichtig, als wir manchmal glauben.

Die wesentlich interessantere Frage lautet doch, in welchem Zustand wir unsere kommenden Lebensjahre verbringen.

Wie beweglich möchten wir bleiben?

Wie klar möchten wir denken können?

Wie selbstständig möchten wir leben?

Wie gut soll unser Körper Belastungen noch ausgleichen können?

Und welchen Anteil können wir selbst daran haben?

Genau darum soll es in dieser Reihe gehen. Nicht darum, möglichst lange jung zu bleiben, sondern darum, besser zu verstehen, wie gesundes Altern funktioniert.

Im nächsten Teil widme ich mich der Frage:

Was bedeutet biologisches Alter wirklich?

Euer

Viney