Die Longevity-Bewegung fragt, wie wir länger gesund bleiben. Eine andere Frage stellt sie seltener: was wir mit den gewonnenen Jahren eigentlich vorhaben.

Stell dir vor, jemand böte dir eine Behandlung an, die dein Altern verlangsamt. Keine Creme gegen Falten, sondern echte zusätzliche Jahrzehnte. Du würdest 120 werden, vielleicht älter. Würdest du zugreifen?

Das Pew Research Center hat genau diese Frage 2013 rund 2.000 Erwachsenen in den USA gestellt. 56 Prozent antworteten: Ich persönlich nicht. Zugleich waren 68 Prozent überzeugt, die meisten anderen würden zugreifen. [1]

Dabei wünschten sich die Befragten im Mittel 90 Lebensjahre, gut elf mehr als die damalige US-Lebenserwartung. [1] Wir wollen also länger leben. Nur nicht radikal länger.

Ein merkwürdiger Befund. Wir unterstellen den anderen eine Gier nach Lebenszeit, die wir bei uns selbst nicht finden. Vielleicht, weil wir ahnen, dass die Frage nach dem „Wie lange“ sofort eine zweite nach sich zieht, unbequemer und schwerer zu beantworten: Wofür eigentlich?

Wir messen alles, nur nicht das Wofür.

Die Longevity-Kultur unserer Zeit ist eine Kultur der Messung. Schlafscores, Herzratenvariabilität, Blutzuckerkurven, das „biologische Alter“ aus dem Labor. Das ist nicht falsch: Manches davon hängt tatsächlich mit Gesundheit zusammen.

Aber Messung hat eine Nebenwirkung: Sie lenkt den Blick auf das, was das Gerät erfasst. Die Frage, was du mit deiner Zeit anfangen möchtest, taucht in keinem Schlafscore auf. Dabei misst die Forschung Lebenssinn seit Jahrzehnten. Nur in den Dashboards der Selbstoptimierung kommt er nicht vor.

Was „gesund altern“ wissenschaftlich bedeutet

Die Forschung unterscheidet zwischen Lifespan, der gesamten Lebenszeit, und Healthspan, den Jahren in guter Gesundheit. Armin Garmany und Andre Terzic von der Mayo Clinic haben WHO-Schätzungen für 183 Länder ausgewertet. 2019 verbrachten Menschen weltweit rechnerisch rund 9,6 Lebensjahre in eingeschränkter Gesundheit, im Jahr 2000 waren es 8,5. Die Lebenszeit wuchs schneller als die gesunde Zeit. Bei Frauen ist diese Lücke im Mittel um 2,4 Jahre größer als bei Männern, in Deutschland ist der Unterschied mit 3,6 Jahren besonders groß. [2]

Genau hier setzt Longevity neu definiert an: nicht länger leben, sondern länger gesund bleiben. Doch auch gesunde Jahre beantworten nicht von selbst, wofür du sie haben willst.

Und was heißt überhaupt „gesund“? Die WHO-Verfassung von 1946 spricht von einem Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. [3] Streng genommen wäre danach kaum ein Mensch über 80 gesund. Für das Alter wählt die WHO seit 2015 einen anderen Maßstab: gesundes Altern als Entwicklung und Erhalt funktionaler Fähigkeiten, die Wohlbefinden im höheren Alter ermöglichen. [4] Also nicht frei von jeder Diagnose, sondern in der Lage, zu sein und zu tun, was dir wichtig ist.

Wer so fragt, landet bei der Psychologie, genauer: bei zwei Fäden.

Der erste sind Beziehungen. Eine vielzitierte Metaanalyse von Julianne Holt-Lunstad und Kollegen fasste 148 Studien mit über 300.000 Teilnehmenden zusammen. Menschen mit stärkeren sozialen Beziehungen hatten im Beobachtungszeitraum eine um rund 50 Prozent höhere Chance zu überleben. Die Autoren sehen darin eine ähnliche Größenordnung wie bei Rauchen oder Alkoholkonsum, wobei „soziale Beziehungen“ in den Studien sehr unterschiedlich gemessen wurden. [5]

Die Harvard Study of Adult Development begleitet seit 1938 Männer: Harvard-Studenten und Jugendliche aus benachteiligten Bostoner Innenstadtvierteln. Ihr heutiger Leiter Robert Waldinger fasst sie in Vorträgen und Büchern so zusammen: Nicht der Cholesterinwert mit 50 habe am besten vorhergesagt, wer mit 80 gesund sein würde, sondern die Zufriedenheit mit den eigenen Beziehungen. [6] Das ist eine pointierte Deutung. Die Fachauswertung von 2001 nennt nüchterner eine stabile Ehe und reife Bewältigungsstrategien als Faktoren guten Alterns, neben Nichtrauchen, keinem Alkoholmissbrauch und Bewegung. Dabei war der beobachtete Zusammenhang möglicherweise nicht unabhängig von Rauchen und Alkoholkonsum. [7] Und weil nur Männer untersucht wurden, lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf Frauen übertragen.

Der zweite Faden ist der Lebenssinn. In der US-amerikanischen Health and Retirement Study beantworteten knapp 7.000 Menschen über 50 sieben Fragen zu ihrem Lebenssinn. Wer am wenigsten Sinn erlebte, hatte in den folgenden rund vier Jahren ein mehr als doppelt so hohes Sterberisiko wie jene mit dem stärksten Sinnerleben. [8]

Wichtig: Das alles sind Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, keine gesicherten Ursachen. Wer schwer krank ist, verliert womöglich eher Beziehungen und Sinnerleben – nicht umgekehrt. Trotzdem ist das Muster auffällig.

Ein Gedanke, der die Reihenfolge umdreht

An dieser Stelle verlassen wir die gesicherten Befunde und betreten das Feld der Interpretation.

Die übliche Logik der Longevity-Bewegung lautet: Erst sichere ich mir gesunde Jahre, dann fülle ich sie mit Sinn. Die Befunde lassen zumindest eine andere Lesart zu. Sinn, Beziehungen und die Haltung zum eigenen Altern könnten nicht nur die Belohnung für ein langes Leben sein, sondern ein Teil seiner Voraussetzung.

Eine Studie von Becca Levy und Kollegen aus Yale mit rund 660 Menschen ab 50 aus einer Kleinstadt in Ohio passt in dieses Bild. Wer eine positivere Haltung zum eigenen Älterwerden hatte, lebte im Median rund siebeneinhalb Jahre länger, auch nach Berücksichtigung von funktionaler Gesundheit, Einsamkeit und sozialem Status. Ein Teil dieses Zusammenhangs ließ sich über den Lebenswillen erklären. [9] Die Zahl stammt aus einer einzigen Beobachtungsstudie und sollte nicht überstrapaziert werden. Metaanalysen bestätigen aber die Richtung: Das Bild vom eigenen Altern hängt mit Gesundheit und Lebensdauer zusammen, schwach, aber stabil. [10]

Gerade weil diese Befunde verführerisch klingen: Haltung, Sinn und Beziehungen ersetzen keine Behandlung. Und wer krank wird, ist nicht krank, weil er falsch gedacht oder zu wenig geliebt hat. Die Studien beschreiben Wahrscheinlichkeiten in großen Gruppen, kein persönliches Versagen.

Warum wir eigentlich länger leben wollen

Psychologisch betrachtet ist der Wunsch nach mehr Lebenszeit selten nur ein Wunsch nach Zeit. Dahinter stehen Motive: das Bedürfnis, für andere da zu sein, unerledigte Pläne, Neugier auf das, was kommt. Und vielleicht das stärkste von allen: die Sorge, eines Tages nicht mehr selbst entscheiden zu können.

Hier liegt eine Deutung nahe: Was viele am Altern fürchten, sind womöglich weniger die Jahre als die Abhängigkeit. Wer fragt, wie er länger gesund bleibt, fragt dann eigentlich, wie lange er selbstbestimmt leben kann. Dabei heißt Selbstbestimmung nicht, alles allein zu können. Sie heißt, über das eigene Leben mitzuentscheiden, auch mit Unterstützung. Genau dort setzt die WHO-Definition gesunden Alterns an.

Und manchmal, das ist eine Lesart, kein Befund, steckt hinter dem Gesundheitsbewusstsein auch die Angst vor dem Tod. Das ist kein Vorwurf. Angst ist ein starker Motivator, und wer aus Sorge mit dem Rauchen aufhört, tut sich etwas Gutes. Interessant wird es dort, wo Optimierung zur Beruhigungsstrategie wird – wo das Vermessen des eigenen Körpers ein Gefühl von Kontrolle stiftet, das die eigentliche Frage überdeckt.

Die Stanforder Psychologin Laura Carstensen hat mit ihrer sozioemotionalen Selektivitätstheorie beschrieben, wie unser Zeithorizont unsere Ziele verändert. Erleben wir die Zukunft als offen, investieren wir in Wissen, Neues, Zukünftiges. Erleben wir sie als begrenzt, rücken emotional bedeutsame Ziele nach vorn: die Menschen, die uns wirklich wichtig sind, das, was sich stimmig anfühlt. Entscheidend ist dabei nicht das Lebensalter an sich, sondern die wahrgenommene verbleibende Zeit. [11]

Daraus ergibt sich eine Frage, die wir zur Diskussion stellen, nicht als Befund: Was passiert mit uns, wenn eine Kultur uns ständig verspricht, die Zeit sei dehnbar? Verschieben wir dann das Bedeutsame auf später, weil „später“ scheinbar immer länger wird?

 

Ist länger automatisch besser?

Vor fast zweitausend Jahren schrieb der römische Philosoph Seneca in seiner Schrift Über die Kürze des Lebens: „Non exiguum temporis habemus, sed multum perdidimus.“ Wir haben nicht zu wenig Zeit, wir vergeuden nur viel davon. Und er setzt nach: Das Leben sei lang genug, wenn man es nur gut anlegte. Wenig später heißt es: Das Leben ist lang, wenn du es zu nutzen weißt. [12]

Seneca hält das Leben also nicht für zu kurz. Er hält die Klage für fehlgeleitet: Nicht die Länge ist das Problem, sondern wie wir die Zeit verbringen. Zusätzliche Jahre lösen dieses Problem nicht. Sie vergrößern nur den Raum, in dem es sich zeigt.

Dazu kommt eine gesellschaftliche Dimension. In der Pew-Umfrage fanden 79 Prozent, lebensverlängernde Behandlungen sollten allen offenstehen. Zwei Drittel erwarteten aber, dass nur Wohlhabende Zugang hätten. [1] Und die Forschung zum eigenen Altersbild zeigt: Wer das eigene Älterwerden negativ sieht, lebt im Mittel etwas kürzer. Ob das negative Bild die Ursache ist, können diese Beobachtungsstudien nicht belegen. [9, 10]

Ob auch gesellschaftliche Altersbilder hier hineinwirken, ist eine naheliegende Frage, die diese Studien nicht beantworten. Unabhängig davon sendet eine Gesellschaft, die das Alter abwertet und zugleich viel Geld und Hoffnung in seine Verschiebung steckt, eine widersprüchliche Botschaft: Alt werden ja. Alt sein lieber nicht.

 

Die Frage, die bleibt

Vielleicht lautet die eigentliche Longevity-Frage nicht, wie alt du wirst. Sondern ob du dein Leben bewohnst, solange du es hast.

Das ist keine Absage an Prävention, an Bewegung, gute Ernährung oder medizinischen Fortschritt. Jedes gesunde Jahr ist ein Geschenk. Aber eines, dessen Wert sich erst im Gebrauch zeigt.

Wenn du morgen zehn zusätzliche gesunde Jahre geschenkt bekämst: Wüsstest du, mit wem du sie verbringen willst? Was du in ihnen tun würdest, das du heute aufschiebst? Und falls du darauf eine Antwort hast – was hält dich davon ab, schon jetzt damit anzufangen?


Quellen

  1. Pew Research Center (2013): Living to 120 and Beyond: Americans‘ Views on Aging, Medical Advances and Radical Life Extension. Repräsentative Befragung von 2.012 US-Erwachsenen.
  2. Garmany, A. & Terzic, A. (2024): Global Healthspan-Lifespan Gaps Among 183 World Health Organization Member States. JAMA Network Open, 7(12), e2450241. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.50241. Länderwert für Deutschland zitiert nach Euronews (2024).
  3. Weltgesundheitsorganisation (1946): Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, Präambel.
  4. Weltgesundheitsorganisation (2015): World Report on Ageing and Health. Genf: WHO. Definition „Healthy Ageing“ auch hier.
  5. Holt-Lunstad, J., Smith, T. B. & Layton, J. B. (2010): Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316. doi:10.1371/journal.pmed.1000316
  6. Waldinger, R. (2015): What makes a good life? Lessons from the longest study on happiness. TED-Talk. Sowie Waldinger, R. & Schulz, M. (2023): The Good Life. New York: Simon & Schuster.
  7. Vaillant, G. E. & Mukamal, K. (2001): Successful Aging. American Journal of Psychiatry, 158(6), 839–847. doi:10.1176/appi.ajp.158.6.839. Zur möglichen Konfundierung mit Tabak- und Alkoholkonsum siehe den begleitenden Kommentar in derselben Ausgabe, S. 835.
  8. Alimujiang, A. et al. (2019): Association Between Life Purpose and Mortality Among US Adults Older Than 50 Years. JAMA Network Open, 2(5), e194270. doi:10.1001/jamanetworkopen.2019.4270
  9. Levy, B. R., Slade, M. D., Kunkel, S. R. & Kasl, S. V. (2002): Longevity Increased by Positive Self-Perceptions of Aging. Journal of Personality and Social Psychology, 83(2), 261–270. doi:10.1037/0022-3514.83.2.261
  10. Westerhof, G. J. et al. (2014): The Influence of Subjective Aging on Health and Longevity: A Meta-Analysis of Longitudinal Data. Psychology and Aging, 29(4), 793–802. doi:10.1037/a0038016. Aktualisierung: Westerhof, G. J. et al. (2023), Psychology and Aging, 38(3), 147–166. doi:10.1037/pag0000737
  11. Carstensen, L. L., Isaacowitz, D. M. & Charles, S. T. (1999): Taking Time Seriously: A Theory of Socioemotional Selectivity. American Psychologist, 54(3), 165–181. doi:10.1037/0003-066X.54.3.165
  12. Seneca: De brevitate vitae (Über die Kürze des Lebens), 1,3–4 und 2,1. Deutsche Wiedergaben frei übertragen.